WOHLFÜHLRÄUME
SCHöNE aUSSICHT.
Und nichts dahinter.
Bald ist es zehn Jahre her, dass Roland und ich den → Liebhof renoviert und umgebaut haben. Ganz oben unterm Dach planten wir unser Wohnzimmer. Offen bis zum Spitz und mit einem riesengroßen Fenster. Denn von dort aus würden wir – über die Dächer der anderen Häuser hinweg – Aussicht auf die Berge und auf einen schmalen Streifen vom Bodensee haben.
In den ehemaligen Kuhstall haben wir unser Treppenhaus gebaut. Eine alte Fachwerkwand trennt diesen Bereich vom Wohnteil. Dieses Fachwerk haben wir bis unters Dach offengelassen. Und dieses luftige Fachwerk trennt unser Wohnzimmer vom Treppenhaus.

Als wir eingezogen sind, haben wir uns – wie schon lange erträumt – ein großes Sofa gekauft und unters Dachfenster gestellt. Welch Luxus, vom Sofa aus auf die Berge zu schauen. Dachten wir.

Jedoch haben wir den Logenplatz kaum genutzt. Irgendwie war es unkomfortabel. Warum hätten wir damals nicht sagen können. Doch dann sind wir auf die Theorie von Prospect & Refuge gestoßen.
Sie geht zurück auf den Geologen Jay Appleton, der das Wechselspiel von Aussicht (prospect) und Zuflucht (refuge) in den 1970er Jahren in seinem Buche The Experience of Landscape erstmals vorstellte. Die Theorie beschreibt, warum Menschen bestimmte Räume oder Landschaften als besonders angenehmen empfinden und sich in anderen total unwohl fühlen.
Das hängt mit unseren Vorfahren und unserem evolutionären Erbe zusammen.
Ein Platz, der eine gute Sicht auf die Savanne und gleichzeitig Schutz vor Raubtieren oder Angreifern bot, konnte Leben retten und war deswegen heiß begehrt. Wer einen solchen Platz fand, hatte die besten Überlebenschancen. Der Primat wusste das, und dein innerer Neandertaler weiß es auch.
Genau dieses instinktive Verhalten prägt uns noch heute – sogar in den eigenen vier Wänden. Wir wollen den Überblick haben und die Aussicht genießen, ohne dabei gesehen zu werden und auf dem Präsentierteller zu hocken.

Und genau das taten wir auf unserem Sofa unterm Dach. Einerseits war da die traumhafte Aussicht, und andererseits das Gefühl dem, was hinter unserem Rücken geschah, ausgesetzt zu sein. Denn das offene Fachwerk hinter uns bot kaum Schutz. Der Raum hinter uns war groß und fühlte sich fast ein bisschen bedrohlich an.
Schweren Herzens schnappten wir an einem Sonntag das Sofa und stellten es andersrum gedreht in die Ecke der Giebelwand, ganz in die Dachschräge gekuschelt und gegenüber des Treppenaufgangs und der offenen Fachwerkwand. Und das veränderte unseren Alltag!
Wir haben immer noch eine tolle Aussicht aus dem großen Dachfenster – zwar nicht mehr auf Berge und See – dafür in die Baumwipfel und den Himmeln. Und wir überblicken unser Wohnzimmer komplett, sogar den Treppenaufgang können wir einsehen. Und hinter uns? Eine schützende Wand.
Unterm Strich verbringen wir jetzt viel mehr Zeit im Wohnzimmer und auf dem Sofa. Wohlfühlzeit. Da, wo früher das Sofa stand, steht jetzt ein großer runder Sitzsack. Witzigerweise bietet er, weil man fast ganz in ihm versinkt, ausreichend Zuflucht. Und so können wir doch noch die Bergsicht genießen.
Den Schreibtisch, der früher da stand, wo jetzt das Sofa steht, haben wir auf die Empore im Treppenhaus gestellt – mit dem Ergebnis, dass wir jetzt auch beim Arbeiten einen schönen Ausblick aus dem gegenüberliegenden Dachfenster haben.


Win win win, würde ich sagen.
Was haben wir aus dieser Erfahrung über Wohlfühlräume gelernt?
1. Was dein innerer Neandertaler braucht, brauchst du auch.
2. Der naheliegende Grundriss ist nicht immer der beste.
3. Es braucht gar nicht viel, um aus Räumen Wohlfühlräume zu machen.
Danke fürs Lesen. Gefällt dir das Thema? Oder hast du Fragen dazu? Dann melde dich gerne bei mir.
Herzlichst,
deine




