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Leseprobe

EINSATZGESCHICHTEN ODER: STORYSHOTS

Liebevoll faltet sie ein Eselsohr in die Seite, die sie nach all den Jahren, nach all den gemeinsamen Abenteuern, nach all dem, was sie zusammen durchlebt und durchlitten hatten – und weswegen sie fest in der Annahme war, sie kenne ihn besser als sich selbst und wisse immer schon im Voraus, was er denken und sagen würde – gerade jetzt erst, in einem der alltäglichsten Momente überhaupt, an ihm entdeckt hatte. 

Wie jeden Abend parkt er seinen Cayenne vor der kleinen Kneipe am Eck, die einzige in seiner Stadt, wo noch geraucht wird, und obwohl er mit seinen hochglanzpolierten Lackschuhen und dem teuren Designermantel augenscheinlich fehl am Platz ist, zieht es ihn immer wieder dorthin, sicherlich nicht wegen der anderen Gäste, die sich schwer vornüber gebeugt mit ihren halbleeren Gläsern unterhalten, sondern einzig wegen der brünetten Barfrau, die – mit einer Kippe im Mundwinkel – im stillen Einverständnis sein Bier zapft und mit dem immer selben, gleichgültig klingenden „hey, wie geht’s“ seinem Tag ein Zuhause gibt. 

Warum kann ich es nicht akzeptieren, wie sie es macht, warum nörgele ich ständige an ihr rum und verlange Dinge von ihr, die zu tun sie nicht in der Lage ist, bloß weil man es scheinbar von ihr erwarte, und wohl auch, weil alle anderen es tun; und warum unterstelle ich ihr, sie sei feige, wo es doch so viel mehr Mut bedarf, den eigenen Weg zu verfolgen und nicht den, den ein anderer bereits vorangegangen ist, fragt er sich, still beobachtend, wie sie ihre Schuhe schnürt und – mit einem letzten enttäuschten Blick zu ihm – davon läuft, und warum um alles in der Welt halte ich sie nicht auf? 

Es war das alte Vorstadthaus, das sie gerettet hat, wird ihr mein einem Mal klar, als sie daran denkt, wie die ersten Strahlen der Frühjahrssonne sich durch die schmalen Ritzen der maroden, gletschergrünen Fensterläden – die sie auch tags geschlossen hielt, um das letzte bisschen ihres früheren Daseins ganz bei sich zu bewahren – zwängten und wie sie auf dem dunklen Holzboden zu ihr krochen, ihre Fußsohlen kitzelten und sie verführten, endlich vor die Tür zu treten und ihrem Leben, das zu verlieren sie Gefahr lief, die Hand zu reichen, und wie sich dann das Haus schützend hinter sie stellte und ihrer Angst, der Zauber eines Neubeginns könne sich wieder in Unheil wandeln, die Stirn bot. 

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